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PERSPEKTIVEN IN DER NISCHE

By Marco Lachmann-Anke / 14. Dezember 2009

Kultur, 16.12.2009, Frank Maier-Solgk

Essen. Die oberitalienische Stadt Bologna ist zum Reizwort geworden: Kurzstudium, Verschulung, Druck durch Gebühren; doch scheinen die Proteste inzwischen zu Veränderungen an der ungeliebten Studienreform zu führen. Grund zum Klagen hat nicht zuletzt der architektonische Nachwuchs.

In NRW stieg laut aktuellem Stimmungsbarometer der Architektenkammer bei den 14 000 freischaffenden Architekten (von insgesamt 30 000 in NRW) der Anteil der Büros mit verschlechterter Auftragslage im letzten Jahr von 26 Prozent auf 33. Hinzu kommt die hohe Dichte von 1 Architekt pro 611 Einwohner. Klar, dass die Jüngeren sich fragen: Wie durchs Studium kommen, wie die ersten Bürojahre überleben?

In dieser Lage hat die Studienreform die Probleme eher verschärft. Hauptkritikpunkt: Der in der Regel 6-semestrige Bachelorstudiengang ist nicht nur angesichts heutiger Bauaufgaben zu kurz, er ist auch nicht kammerfähig, d.h. berechtigt nicht dazu, die Berufsbezeichnung Architekt zu tragen. Berufstauglichkeit durch das neue Studium wird damit nicht erreicht. Nach Martin Halfmann, dem Präsidenten des Bund Deutscher Architekten in NRW, hat man das „weltweit anerkannte Markenzeichen des Diploms zugunsten einer Vereinheitlichung aufgegeben, die qualitativ unterschiedlichste Niveaus zusammenzwingt“. Weit mehr als die Hälfte der Studenten sattelt daher drauf und belegt bei entsprechend guter Note als Voraussetzung den weiterführenden Masterstudiengang.
Sigrun Dêchene, Dekanin für Architektur an der FH Dortmund, sieht gleichwohl in den hohen Studentenzahlen ein Hauptproblem. Außerdem belasten die Gebühren. „Wir haben vor kurzem eine Umfrage bei uns durchgeführt, nach der der Großteil der Studenten 20 bis 40 Wochenstunden nebenbei jobbt“.

Für die, die sich allen Schwierigkeiten zum Trotz zu einem eigenen Büro entschließen, gibt es immerhin auch positive Tendenzen. Björn Nolte und Anja Köster, beide Anfang 30, haben vor fünf Jahren in Bochum ihr Büro gegründet; seitdem konzentriert es sich erfolgreich auf die derzeit dominierende Bauaufgabe: Energetische Sanierungen bei Bestandsbauten. Ansonsten bieten neben dem schmalen Bereich der Kunst – das Büro „modulorbeat“ aus Münster hatte zur letzten Skulptur Projekte Münster einen temporären Pavillon errichtet – vor allem Spezialdisziplinen Aussicht auf ein erfolgreiches Nischendasein: Aktuell stehen Visualisierungen im Fokus, denn auch für Architekten ist die Darstellung bzw. Präsentation ihrer Entwürfe (fast) alles. Vor wenigen Jahren gegründet, bieten „Rendertaxi“ aus Aachen und Visualtektur“ aus Dortmund inzwischen fast allen namhaften Architekturbüros ihre Expertise auf dem Feld von 3-D-Darstellungen und Animationen als Dienstleistung an – sei es für das Max-Planck-Institut in Saarbrücken oder für einen Tanzpalast in St. Petersburg.

Die Dortmunder wollen mit einer kürzlich eingerichteten Datenbank (sight3d.com) jetzt den Kreis von Interessenten noch erweitern und mit einem Archiv der kulturell wertvollsten Gebäude der Erde nebenbei auch generell das Interesse an Architektur wecken: „Wir tragen dort alle wichtigen Informationen über die Sehenswürdigkeiten aus dem Internet zusammen und ergänzen Sie mit unseren 3D-Modellen“, erläutern Marco Lachmann und Alexander Andrejew. Natürlich sind auch einige Ruhrgebiets-Highlights dabei, wobei die beiden hoffen, dass der Überblick über die bauliche Seite des Reviers bei den internationalen Besuchern der Kulturhauptstadt nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Das Studium ist heute mehr denn je nur noch die Basis, die guten Ideen für den Start ins Berufsleben muss man selbst entwickeln.